FOSA "Ein Projekt, welches auf den Prinzipien ombudschaftlicher Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe basiert.

CORAXWas ist ombudschaftliche Arbeit und was leistet die neue "Fachstelle für ombudschaftliche Arbeit in Sachsen"? Dieser Fachbeitrag, der im CORAX - Fachmagazin für Kinder- und Kinder- und Jugendarbeit in Sachsen in der Ausgabe 4_2017 erschienen ist, führt ein und klärt auf. Von Luise Tannert-Lötzsch

 

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Strukturelle Hierarchien und Machtasymmetrien sind in vielen gesellschaftlichen Bereichen vorzufinden. Die Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe stellen da keine Ausnahme dar. Täglich bekommen Hilfeadressatinnen die fachliche Autorität des Gegenübers zu spüren und leiden unter der strukturellen Unterlegenheit. Beteiligung und Beschwerdemöglichkeiten bleiben dabei oft auf der Strecke, was folglich zu Konflikten zwischen den Parteien führt. Ombudschaftliche Arbeit sieht sich in diesem Spannungsverhältnis als vermittelnde Instanz zwischen Anspruchsberechtigten und den öffentlichen Trägern der Jugendhilfe.

Die ombudschaftliche Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe erfreut sich in den letzten Jahren an einem immer größer werdenden Zuspruch der fachlichen und politischen Öffentlichkeit. Bundesweit wurden unabhängige Beschwerdestellen ins Leben gerufen, um jungen Menschen und Ihren Familien unterstützend und beratend in konfliktbehafteten Situationen beizustehen. In Sachsen bietet der Kinder- und Jugendhilferechtsverein e. V. (KJRV) als anerkannter freier Träger der Jugendhilfe seit 2012 für Kinder, Jugendliche und deren Familien die Möglichkeit einer unabhängigen Beratung und Beschwerde bei Konflikten mit dem Jugendamt. Die damaligen Beweggründe für diese Initiative waren vielseitig. Die sich immer stärker entwickelnde Dynamik, dass Leistungsansprüchen von Adressatinnen nicht vollumfänglich nachgekommen wird, war damals wesentlich für die Gründung des Vereins. Die Unzufriedenheit der Betroffenen war spürbar und der Wunsch nach einer alternativen Anlaufstelle, um sich einen fachlichen oder gar rechtlichen Rat einzuholen, wurde zunehmend stärker. Bis heute berät der Verein, bewährt durch das ehrenamtliche Engagement der sozialprofessionellen und rechtlich avisierten Beraterinnen, Ratsuchende aus Dresden und den umgebenen Landkreisen Bautzen, Meißen und Sächsische Schweiz/Osterzgebirge.


Notwendigkeit ombudschaftlicher Arbeit in Sachsen
Basierend auf dem prioritären Prinzip ombudschaftlicher Arbeit, werden bestehende Schwierigkeiten zwischen den Parteien in erster Linie kommunikativ ausgehandelt. Der Klageweg soll, wenn möglich, vermieden werden, um nicht die sowieso schon vorbelastete Kommunikation der beiden Seiten noch stärker zu erschweren. In diesem Zusammenhang ist die ombudschaftliche Beratung als Methode sehr förderlich, da diese eine „unparteiische Vorgehensweise bei Streitfragen" fokussiert, reflexive Lernprozesse unterstütz und eine konstruktive Kultur im Umgang mit Fehlern bewirken kann. Sie stärkt die Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit der Hilfeadressatinnen und trägt darüber hinaus vor allem zur Beratungs- und Entscheidungsqualität der ASD bei.
In den letzten Jahren rückt der KJRV zunehmend in das öffentliche Interesse von Hilfesuchenden. Die Anzahl der Beratungszusammenhänge liegen bei etwa 80 Anfragen jährlich und zeigen eine überaus positive Resonanz. Den originären Beratungsauftrag sieht der KJRV in der Vermittlung bei Konflikten hinsichtlich der Gewährung und der Gestaltung von Hilfen zur Erziehung. Die Anfragen kommen natürlich auch aus anderen tangierenden Rechtsbereichen, vor allem aus dem Familien-, Sorge- und Umgangsrecht. In diesen Fällen verweisen die Beraterinnen des KJRV die Ratsuchenden auf andere fachgebundene Beratungsangebote, da diese Angelegenheiten über den Zuständigkeitsbereich der ombudschaftlichen Beratungstätigkeit des Vereins hinausgehen.


Die Beratungserfolge und die damit einhergehende, gelingende Vermittlung und Unterstützung Ratsuchender in konkreten Situationen ist für die vielen ehrenamtlichen Beraterinnen des Vereins sehr wertschätzend und stärkt das Vertrauen der Arbeit und das Selbstverständnis des KJRV. Die wachsende Bekanntheit der Institution und die damit einhergehende größere Nachfrage der Ratsuchenden stellen den Verein allerdings auch vor Herausforderungen. Eine intensivere Öffentlichkeitsarbeit hat zur Folge, dass ehrenamtliche Beraterinnen einem größeren Beratungsaufwand gegenüberstehen. In Zukunft müssen daher neue Strategien entwickelt werden, um dieser Herausforderung gewachsen zu sein. Es müssen außerdem infrastrukturelle Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit auch künftig eine fachlich-professionelle ombudschaftliche Beratungsarbeit von ehrenamtlich Tätigen in den ländlichen Regionen gewährleistet werden kann. Der starke Wunsch nach unabhängiger Beratung von Seiten der Betroffenen und die Zunahme restriktiver Leistungsgewährung signalisiert die Notwendigkeit zur Ausdehnung ombudschaftlicher Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen.


In Sachsen wird ein Meilenstein ombudschaftlicher Arbeit gelegt
Vor diesem Hintergrund wird seit April diesen Jahres eine Fachstelle für ombudschaftliche Arbeit „FOSA" in Dresden mit einem weiteren Standort in Leipzig aufgebaut. Die Arbeit der Fachstelle basiert auf Grundlage des SGB VIII und sieht ihr Handeln vor allem darin, die Rechte von jungen Menschen und ihren Familien in der Gewährung und Gestaltung von Leistungen der Jugendhilfe zu stärken. Durch das Einbringen einer neuen Beteiligungskultur arbeitet die Fachstelle wesentlich auf das Ziel gelingender Hilfen hin. Sie richtet sich an alle Kinder, Jugendlichen und junge Volljährige in Sachsen, deren Eltern und Sorgeberechtigten sowie Angehörigen die einen Bedarf an Informationen zum Recht auf Beratung, Hilfe zur Erziehung und Eingliederungshilfe nach § 35 a SGB VIII haben. Die Angebote von „FOSA" sollen vor allem auch die Fachkräfte von öffentlichen und freien Trägern der Jugendhilfe erreichen. Nach den gesetzlichen Vorschriften des § 36 SGB VIII haben Leistungsempfängerinnen das Recht auf Mitwirkung, vor allem im Rahmen der individuellen Hilfeplanung. Die Praxis in den jeweiligen Institutionen sieht allerdings anders aus. Oftmals werden Betroffene nicht bei der Auswahl und Gestaltung geeigneter Hilfen beteiligt und auch auf Wünsche und Bedürfnisse, die ihnen laut des gesetzlich festgeschriebenen Wunsch- und Wahlrechts zustehen, wird nicht eingegangen. Vor allem in diesem Bereich setzt das Selbstverständnis ombudschaftlicher Beratung an, um den Hilfesuchenden über den Prozess der Hilfeplanung hinaus ihre eigenen Rechte und Handlungsmöglichkeiten transparent zu machen. Denn durch Transparenz und die Vermittlung von Wissen ist die Möglichkeit für eine gleichwertige Beteiligung erst gegeben.

 

Die Ziele und Aufgaben der Fachstelle „FOSA"
Die Fachstelle wird die Entwicklung von Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren auf Grundlage der erzieherischen Hilfen nach §§ 27 ff. SGB VIII fokussieren. In diesem Zusammenhang sollen Fachkräfte von öffentlichen und freien Trägern der Jugendhilfe zu dieser Thematik beraten und qualifiziert werden. Alle Träger erlaubnispflichtiger Einrichtungen sollten sich von den recht rudimentären Beschwerdeformen distanzieren und neue Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren entwickeln und etablieren, die das Wohl des Kindes wahren und sichern. Die Fachstelle wird außerdem Konzepte erarbeiten und die dahingehende Entwicklung erforschen – was sie zur Ansprechpartnerin für Politik und Wissenschaft macht. Sie wird ebenfalls einen großen Beitrag dazu leisten, jungen Menschen und deren Familien via Info-Abende über die ihnen zustehenden Rechte vertraut zu machen. Nur so können die Hilfeadressatinnen an Entscheidungsprozessen beteiligend mitwirken und mit dem Wissen ihrer Rechte ihr Anliegen gestärkt vertreten. Ein weiteres Ziel von „FOSA" ist der Beitrag zur qualitativen Weiterentwicklung der Jugendhilfe. Das heißt, die Beratungsarbeit an und mit Einzelfällen wird durch die Fachstelle über einen systematischen Rücklauf in die Jugendämter gewährleistet. Durch diese Transparenz kann eine qualitative Weiterentwicklung und eine künftige Verbesserung bei der Gewährung und Gestaltung von Leistungen ermöglicht werden. Neben den Städten Dresden und Leipzig und ihren angrenzenden Landkreisen, soll sich ombudschaftliche Arbeit vor allem auch in Chemnitz stärker herausbilden, um so ein flächendeckendes Angebot in ganz Sachsen zu haben. Für junge Menschen und ihre Familien steht mit ombudschaftlicher Beratung auf den Gebieten aller örtlichen und öffentlichen Träger der Jugendhilfe somit ein zugängliches und niedrigschwelliges Angebot zur Verfügung. Das Beratungsangebot setzt wiederum die Kenntnis der Hilfesuchenden voraus, daher ist es wichtig, die Fachkräfte in den Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe mit diesem zu betrauen. Neben dem Gesamtprojektkoordinator Björn Redmann, wird Annegret Münch als hauptamtliche Projektmitarbeiterin die Stadt Leipzig, deren Landkreise sowie Nordsachsen koordinieren. Der Standort der Fachstelle für den Raum Dresden führt die bisherige ombudschaftliche Beratung des KJRV fort und wird sich perspektivisch in vier Gebietskörperschaften aufteilen, um so den Ratsuchenden örtlich erreichbar und kontinuierlich beratend zur Seite zu stehen. Der Verein entwickelt sich durch das Projekt „FOSA" somit zu einem überregional tätigen Akteur. Die Ausdehnung des Beratungsangebots auf die Region Leipzig erfordert eine starke interne Zusammenarbeit und ist die Basis für eine gelingende Kommunikation, vor allem mit den Trägern der öffentlichen Jugendhilfe.


Vage Förderaussichten bringen das Projekt ins Wanken
Um die Unabhängigkeit der ombudschaftlichen Beratung bundesweit strukturell zu sichern, erfolgt die Förderung durch regelmäßige überörtliche bzw. staatliche Zuschüsse, ohne das eine Finanzierungsbeteiligung der ombudschaftlichen Institutionen vorgesehen ist. In Sachsen verhält es sich leider anders, da in der Haushaltsplanung für das Jahr 2018 die ombudschaftliche Beratung mit nur einer hälftigen Kofinanzierung kalkuliert wurde. Der KJRV steht hier vor der Herausforderung ein Kofinanzierungskonzept zu entwickeln, damit das Projekt „FOSA" längerfristig gesichert und die hauptamtliche Tätigkeit an dem Standort Leipzig auch perspektivisch gehalten werden kann. Die vagen Förderaussichten für das kommende Jahr sind sicherlich nicht die günstigsten Voraussetzungen bei der Umsetzung eines Projektes, doch werden die Projektkoordinatoren und alle Mitwirkenden des KJRV viel daran setzen, diese bestehende Schwierigkeit zu überwinden und gemeinsam an dieser Herausforderung zu wachsen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Fachstelle „FOSA" in den nächsten Monaten entwickelt. Doch eines ist sicher, die Etablierung dieser unabhängigen Konflikt- und Beschwerdestellen in Sachsen setzen landesweit ein erforderliches Statement, um den bestehenden strukturellen Machtasymmetrien in der Kinder- und Jugendhilfe entgegenzuwirken.

Tannert-Lötzsch, Luise (2017): FOSA" Ein Projekt, welches auf den Prinzipien ombudschaftlicher Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe basiert, In: CORAX - Fachmagazin für Kinder- und Kinder- und Jugendarbeit in Sachsen in der Ausgabe 4_2017, S. 45f.

 

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